Dr. Martin Hüfner: Hoffnung auf eine Jahresend-Rally

Das Jahr 2018 wird nicht als das beste Anlagejahr in die Geschichte eingehen. Die Aktienkurse gaben in vielen Märkten nach oder entwickelten sich seitwärts (außer in den USA). Die Bondspreise gingen zurück (weil die Zinsen stiegen). Selbst dem österreichischen ATX, der im vergangenen Jahr so fulminant gelaufen war (plus 32 %), ist seit Jahresbeginn die Puste ausgegangen. Er ermäßigte sich in den ersten drei Quartalen um knapp 5 %.

Gründe für diese Entwicklung gibt es genug. Die Weltwirtschaft war in diesem Jahr so vielen Risiken ausgesetzt wie schon lange nicht mehr. Da sind einmal die Handelsbeschränkungen, die der amerikanische Präsident in Kraft gesetzt hat. Rein rechnerisch ist der Effekt gar nicht so groß. Das Wachstum des Weltsozialprodukts wird sich nach ökonometrischen Modellen nur um wenige Prozentpunkte verringern. Es gab aber viel Unsicherheit, Produktionsverflechtungen wurden gestört und längerfristige Investitionsplanungen durcheinandergeworfen. Das drückt natürlich auf die Stimmung an den Kapitalmärkten.

Strikte Geldpolitik belastet die Finanzmärkte
Negativ war 2018 auch die Normalisierung der Geldpolitikin den Industrieländern. Die USA haben die Leitzinsen in diesem Jahr bisher drei Mal erhöht. Mit einem vierten Schritt Ende 2018 ist zu rechnen. Die Europäische Zentralbank hat die Wertpapierkäufe reduziert und wird sie zum Jahresendevermutlich ganz auslaufen lassen. Die erste Zinserhöhung wird in Europa allerdings noch eine Weile auf sich warten lassen. Jeder weiß, dass die ultralockere Geldpolitik nach der großen Finanzkrise nicht ewig andauern konnte. Aber das belastet natürlich, zumal niemand wirklich abschätzen kann, wie stark sich die Maßnahmen auf die Wirtschaft auswirken werden.

Dr. Martin Hüfner, Volkswirtschaftlicher Berater der Hello bank!

Steigende Zinsen vergrößern den Schuldendienst
Betroffen von dieser Entwicklung sind nicht zuletzt die Schwellen- und Entwicklungsländer. Sie haben in den letzten Jahren ihre Auslandsverschuldung kräftig ausgeweitet. Jetzt müssen sie erheblich mehr für ihre Schulden zahlen. Verschlimmert wird die Situation noch dadurch, dass viele dieser Kredite in US-Dollar aufgenommen wurden. Jede Abwertung der nationalen Währungen gegenüber dem Greenback vergrößert den Schuldendienst. Die betroffenen Länder leiden zudem an gravierenden Strukturproblemen. Im Mittelpunkt stehen hier die Türkei und Argentinien. Aber auch so wichtige Staaten wie Brasilien, Südafrika, Indien oder Indonesien machen Sorgen. Wer kann da schon einen Flächenbrand wie in den 80er und 90er Jahren ausschließen?

EU-Gegner schaden dem Euro
In Italien sind die Populisten von Lega und Cinque Stelle dabei, ihre radikalen Wahlversprechen umzusetzen. Am Anfang drohten sie mit einem Austritt des Landes aus der Europäischen Union und aus dem Euro. Jetzt haben sie ihre Sprache etwas gemäßigt, aber nach wie vor wettern sie gegen die Politik in Brüssel und wollen die Maastricht-Kriterien nicht einhalten. Das stellt natürlich eine erhebliche Belastung für den Euro und die gesamte EU dar. Die Zinsen für italienische Staatsanleihen sind in die Höhe geschossen.

Beim Brexit läuft die Sache ebenfalls nicht rund. Beim Treffen der europäischen Staats- und Regierungschefs in Salzburg kam es zum Krach. Die Union möchte das Modell, das die englische Premierministerin für das Austrittsszenario vorgeschlagen hat, auf Teufel komm raus nicht akzeptieren. Es stellt die Grundfesten des Binnenmarkts in Frage und könnte zu einer Aufweichung des Zusammenhalts in der Gemeinschaft führen. Wenn man sich aber nicht einigen sollte (es also zu einem harten Austritt ‒ „Hard Brexit“ ‒ käme), wäre das ein weiterer GAU für die Kapitalmärkte in Europa.

Dank guter US-Konjunktur blieb der Crash aus
Wenn die Anleger das alles zum Jahresanfang auch nur geahnt hätten, hätten sie sicher ihre Portfolien zu großen Teilen verkauft, um auf bessere Zeiten zu warten. Die Märkte wären zusammengebrochen, der große Crash (auf den so viele immer wieder setzen) wäre Realität geworden. Warum sind wir trotzdem mit einem blauen Auge davongekommen? Ganz einfach: Weil die Konjunktur besser war, die Unternehmen gut gearbeitet haben und die Gewinne weiter gestiegen sind. All dies war ein Gegengewicht gegen die Risiken.

Das gilt vor allem für die Vereinigten Staaten. Hier hat sich das Wirtschaftswachstum deutlich beschleunigt. Die Unternehmensgewinne nahmen mit zweistelligen Raten zu. Das war freilich nicht nur eine konjunkturzyklische Entwicklung. Es beruhte zu großen Teilen auf der massiven Steuersenkung zu Beginn des Jahres und der starken Ausweitung der Staatsausgaben. Heute wird viel über den amerikanischen Präsidenten und seine erratische Politik geklagt. Man muss aber auch sehen, dass die Wirtschaft und die Kapitalmärkte ohne seine Politik nicht so gut dastünden. Das erklärt auch, dass die amerikanischen Aktien in diesem Jahr von einem Rekord zum anderen stiegen.

In Europa war das Wachstum nicht so gut, aber immerhin noch ordentlich. Deshalb haben sich die Kurse in Europa nicht so gut wie in den USA entwickelt. Aber – und das ist wichtig ‒ sie sind nicht eingebrochen.

Drei Gründe für eine Jahresend-Rally
Wie wird das weitergehen? Gibt es Hoffnung auf eine Jahresend-Rally? Ich glaube ja, und zwar aus drei Gründen.
Erstens sind die meisten Risiken inzwischen eingepreist und werden die Märkte nicht mehr so stark nach unten ziehen. Neue Risiken sind im Augenblick nicht sichtbar. Zweitens sind viele Anleger immer noch geschockt von den schlechten Nachrichten aus der Welt und haben ihre Erwartungen an die weitere Kursentwicklung heruntergestuft. Sie haben also noch „Pulver“ frei zum Investieren. Drittens und das Wichtigste: Es gibt Indizien, dass die Konjunkturschwäche, die Europa im zweiten und dritten Quartal so stark belastet hat, ausläuft. Prognosen für 2019 werden nach oben revidiert. Damit steigen die Unternehmensgewinne wieder stärker. Der Humus für wieder höhere Kurse ist also da, wenn nicht noch etwas völlig Unvorhergesehenes passiert. Nutzen Sie die Chancen!

Disclaimer: Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und stellt in keiner Weise eine Finanzanalyse, eine Anlageberatung, ein Angebot zum Kauf oder eine Empfehlung der Hello bank! dar.

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