Interview mit Dr. Martin Hüfner: Trump – ein Konjunkturprogramm für Aktien

Alle kritisieren den amerikanischen Präsidenten für seine ruppige Art und dafür, dass er alle Grundsätze vernünftiger Wirtschaftspolitik in den Wind schlägt. Für den Anleger muss das aber kein Fehler sein. Es ergeben sich neue Chancen. Wir haben darüber mit dem volkswirtschaftlichen Berater der Hello bank!, Dr. Martin Hüfner, gesprochen.

Herr Dr. Hüfner, Sie haben kürzlich gesagt, die Anleger müssten sich in „Trumps Welt“ auf gravierende Veränderungen einstellen. Was haben Sie damit gemeint?
An den Märkten sieht es derzeit auf den ersten Blick recht chaotisch aus. Niemand weiß, wo es lang geht. Wer hätte sich zu Beginn des Jahres vorstellen können, dass wir heute vor der Gefahr eines weltweiten Handelskrieges stehen? Wer hätte gedacht, dass sich Amerikaner und Europäer so auseinanderleben könnten? Ein Tweet des amerikanischen Präsidenten kann alles verändern. Unter diesen Umständen ändern sich natürlich auch die Regeln an den Kapitalmärkten. Wenn man genau hinschaut, ergeben sich aber ein paar Grundmuster, die gar nicht so chaotisch sind und die sich der Anleger anschauen sollte.

Welche sind das?
Zwei Dinge. Erstens, und nicht ganz so überraschend, es gibt noch mehr Schwankungen und Unsicherheiten. Der Volatilitätsindex VIX ist zum Beispiel deutlich gestiegen. Wer Geld investiert, sollte also darauf achten, die Risiken breit zu streuen. Also nicht „alle Eier in einen Korb“ und Vorsicht mit „todsicheren Tipps“. Das galt zwar immer schon, ist aber jetzt noch dringlicher geworden. Man kann zwar immer noch in gute Einzeltitel investieren. Aber Fonds, auch börsennotierte Fonds (ETFs) sind vielfach sicherer, auch wenn man damit nicht die Spitzenrenditen erzielt.

Und zweitens?
Wir erleben eine Renaissance des Nationalismus und des Merkantilismus. Das war die Wirtschaftsordnung, die es vorzwei-, dreihundert Jahren in Europa gab und die insgesamt nicht so erfolglos war, wie vielfach gesagt wird. Sie hat die Industrialisierung in unseren Ländern ermöglicht. Auch heute könnte sie der Wirtschaft einen Schub verleihen. Sie ist allerdings ein Kontrastprogramm zur Sozialen Marktwirtschaft, an die wir uns in den letzten fünfzig Jahren gewöhnt hatten.

Was bedeutet der Merkantilismus heute?
Er besteht, vereinfacht gesagt, aus fünf Elementen. Erstens: Nationalismus statt Globalisierung mit freiem Welthandel und freiem Kapitalverkehr. Die nationalen Volkswirtschaften werden gefördert. Das geschieht zweitens durch öffentliche Defizite statt Konsolidierung der Staatsfinanzen. In den USA hat der Staat in diesem Jahr die Steuern massiv gesenkt und die Ausgaben erhöht und damit den Fehlbetrag im Budget um rund 300 Mrd. US-Dollar erhöht. Drittens: Geldpolitik und Finanzpolitik ziehen nicht am gleichen Strang. Die amerikanische Notenbank erhöht ihre Leitzinsen. Präsident Trump wird aber nicht müde zu sagen, dass er das nicht gut findet. Das ist nicht hilfreich für das Klima am Kapitalmarkt. Viertens: Deregulierung der Wirtschaft, vor allem im Finanzsektor. Mehr Freiheit soll mehr Dynamik schaffen. Fünftens schließlich: Die Einkommens- und Vermögensverteilung wird nicht gleicher, sondern ungleicher, damit die Reichen mehr investieren können. Die amerikanische Steuerreform war ein Konjunkturprogramm für die Wohlhabenden. All das hat gravierende Folgen für die Kapitalmärkte.

Da müsste man doch eigentlich Aktien kaufen?
Absolut. Das Wirtschaftswachstum steigt wegen der Deregulierung und der höheren öffentlichen Defizite. Die Unternehmensgewinne erhöhen sich. Schauen Sie sich Amerika an. Die US-Aktien haben sich dank dieser Politik in den letzten zwei Jahren außerordentlich positiv entwickelt. Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass das nicht solide finanziert ist. Auch in „Trumps Welt“ wird es Rückschläge bei den Aktien geben.

Sind die Handelsbeschränkungen nicht negativ für die Aktien?
Sie bremsen natürlich das Wachstum und belasten auch die Kapitalmärkte. Ich bin hier aber nicht so pessimistisch wie andere. Sie werden nicht zu einer weltweiten Rezession führen. Der amerikanische Präsident will alles andere als einen Zusammenbruch der Weltwirtschaft, da davon auch die USA (und seine eigenen Chancen auf Wiederwahl) betroffen wären. Aber Protektionismus ist natürlich nicht gut für die exportorientierten Unternehmen. Da müssen Anleger vorsichtig sein, vor allem bei der Autoindustrie.

Wie sieht es mit Festverzinslichen aus?
Die entwickeln sich nicht so gut. Die Zinsen steigen, nicht weil Herr Trump das will, sondern weil der Staat am Kapitalmarkt so viel Geld aufnimmt und private Kreditnehmer verdrängt. Also Hände weg von Bonds, auch wenn die Zinsen in den USA mit inzwischen über 3 % (für 30-jährige US-Treasuries) ein Niveau erreicht haben, das für viele Bondsinvestoren interessant ist. Aber sie müssen sich – wenn sie die Papiere nicht bis zur Fälligkeit halten – auf Kursverluste einstellen.

Und die Schwellen- und Entwicklungsländer?
Die sind natürlich auch betroffen, weil der Welthandel nicht mehr so stark wächst. Was mir hier aber noch mehr Sorgen macht, ist das ungute Gemisch aus Handelsbeschränkungen, höherem Dollar, höheren Zinsen, und höheren Ölpreisen und hausgemachten strukturellen Problemen, zum Beispiel in Argentinien oder in der Türkei. Normalerweise investiere ich gerne in den Schwellen- und Entwicklungsländern, weil sie dynamisch und wachstumsstark sind. Im Augenblick bin ich aber vorsichtig.

Was heißt denn „Trumps Welt“ für Europa?
Europa ist selbstverständlich auch betroffen. Einmal natürlich über die Handelsbeschränkungen. Zum anderen, weil wir in Europa die gleichen populistischen Tendenzen haben. Siehe Italien. Das ist eine Gefahr für den Euro und die EU. Bei den Aktienkursen bin ich hier aber nicht so pessimistisch. Denn Populismus ist wie gesagt positiv für die Aktien, zumindest auf kurze Sicht. Bemerkenswert war aus meiner Sicht, dass die italienischen Dividendenwerte in diesem Jahr besser liefen, als das aufgrund der politischen Belastungen zu erwarten gewesen wäre. Langfristig gibt es aber auch hier die Gefahr von Blasen, die dann irgendwann platzen.

Kann man sich mit Gold gegen Merkantilismus schützen?
Nein. Wenn die letzten Monate eines gezeigt haben, dann das: Gold ist kein Schutz gegen Krisen. Es ist aber gut zur Beimischung in einem Portfolio, um den Grad der Diversifikation zu erhöhen. Auch populistische Regierungen setzen nicht aufs Gold.

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Dr. Martin Hüfner

Der Experte fürs Bankenwesen war u.a. mehrere Jahre Direktor der Volkswirtschaftlichen Abteilung der Deutschen Bank, Chefvolkswirt und Kommunikationschef bei der HypoVereinsbank und zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaftspolitik beim Bundesverband Deutscher Banken in Berlin. Heute ist er ein gefragter Redner und Diskussionspartner bei nationalen und internationalen Veranstaltungen, wie auch bei der diesjährigen Gewinn-Messe am 19.10. (Info siehe S. 6).

 

 

 

Disclaimer: Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und stellt in keiner Weise eine Finanzanalyse, eine Anlageberatung, ein Angebot zum Kauf oder eine Empfehlung der Hello bank! dar.

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