Börsenlegende Benjamin Graham: Urvater der Wertpapieranalyse

Als Erfinder der fundamentalen Wertpapieranalyse hat Benjamin Graham (1894-1976) den Weg zum Value Investing geebnet, seine damaligen Werke zählen noch heute zur meistgelesenen Börsenliteratur.

Tauschen sich Investoren heute über Value Investing aus, fällt unweigerlich der Name Warren Buffett. Dem „Orakel von Omaha“ wird ein besonderes Händchen nachgesagt, wenn es um das Aufspüren von unterbewerteten Wertpapieren geht. Der beeindruckende Erfolg von Warren Buffett und vieler weiterer bekannter Investoren geht dabei auf die Lehren von Benjamin Graham zurück, dessen Werk „The Intelligent Investor“ das Leben von Buffett nach eigener Aussage veränderte. „Hätte ich das Buch 1949 nicht gelesen, hätte ich eine andere Zukunft gehabt“, ist sich Buffett sicher.

Schicksalsschläge in der neuen Heimat
1894 wurde Benjamin Graham als Sohn der polnisch-jüdischen Familie Grossbaum in London geboren. Ein Jahr später wanderte die Familie nach New York aus, wo man den Familiennamen in Graham änderte. Ein erfolgreicher Handel mit Porzellan ermöglichte der Familie zunächst ein Leben im Wohlstand, ehe der Vater 1903 verstarb und das Geschäft von Grahams Mutter verkauft werden musste. Mit kreditfinanzierten Wertpapierinvestments verspekulierte die Familie im Zuge der Finanzkrise 1907 ihr gesamtes Vermögen, weshalb Benjamin Graham einen Großteil seiner Jugend in ärmlichen Verhältnissen verbrachte.

Vom Laufburschen zum Partner
Als hochbegabter Schüler ergatterte Graham ein Stipendium an der renommierten Columbia University, wo er neben Mathematik auch Philosophie, Englisch und Griechisch studierte und sein Studium nach gerade einmal zweieinhalb Jahren als Zweitbester des Jahrgangs abschloss. Als 20-Jähriger verzichtete Graham auf eine ihm angebotene akademische Karriere und versuchte schließlich sein Glück an der Wall Street, wo er 1914 zunächst als Laufbursche bei der Brokerfirma Newburger, Henderson & Loeb begann.

In den folgenden Jahren arbeitete sich Graham zum Statistiker und später zum Partner hoch, bevor er 1926 mit seinem Partner Jerome Newman unter der Bezeichnung Benjamin-Graham-Konsortium seine eigene Vermögensverwaltung gründete. Nach schnellen Erfolgen während des Börsenbooms in den Zwanzigerjahren verlor die junge Firma einen Großteil des ihr anvertrauten Vermögens während des Börsencrashs von 1929. Später konnten die Verluste aber dank cleverer Anlagestrategien vollständig aufgeholt werden.

Die Sicht des Mathematikers
Die schmerzliche Erfahrung während des Börsenkrachs und der anschließenden Talfahrt der Börse ließ den Mathematiker einen wissenschaftlichen Blick auf die Märkte werfen, dessen Ergebnisse er 1934 in seinem Buch „Security Analysis“ zusammenfasste. Es wird noch heute von vielen Value-Investoren als ihre „Bibel“ bezeichnet. Erstmals wurden in dem Buch rationale Kriterien für die Auswahl aussichtsreicher Märkte und Wertpapieranlagen genannt. Denn bis zu diesem Zeitpunkt wurden Anlageentscheidungen eher zufällig, also auf Basis der Beobachtung von vorangegangenen Entwicklungen oder aus purer Spekulation getroffen. Seinen Ratgeber verfeinerte und modernisierte Graham 15 Jahre später unter dem „The Intelligent Investor“, der heute zu den meistgelesenen Börsenfachbüchern zählt und als absolutes Standardwerk des Value Investings gilt.

Analyse statt Spekulation
Kernaussage der Strategie von Benjamin Graham ist die Erwartung, dass sich der Markt sowie die Anleger über eine gewisse Zeit irrational verhalten mögen und ein Wertpapier sich scheinbar willkürlich bewegt, der Kurs einer Aktie früher oder später aber stets seinem inneren Wert folgen wird. Anleger sollten Aktien deshalb nur dann kaufen, wenn die fundamentalen Kriterien eine Unterbewertung aufweisen, bei der Graham stets von einer Sicherheitsmarge sprach. Nähert sich der Aktienkurs seinem fairen Wert, können die Positionen mit Gewinn verkauft werden. Gleichzeitig ist durch die Sicherheitsmarge das Kursrisiko auch dann reduziert, wenn das Unternehmen in der künftigen Entwicklung enttäuschen und sich der Anleger in der Beurteilung einer Aktie geirrt haben sollte. Zu den wichtigsten Kaufkriterien zählte Graham ein unterdurchschnittliches KGV oder auch eine hohe Dividendenrendite. Zudem sollten sich Anleger auf Qualität konzentrieren, gerade Anfänger nur auf Standardwerte mit einem langjährigen Gewinnwachstum setzen und vor allem geduldig sein.

Musterschüler Warren Buffett
Bereits 1928 hat Graham Vorlesungen an der Columbia University gehalten, an der er Jahre zuvor selbst studiert hatte. Zu seinen Schülern gehörte auch Warren Buffett, der sich nach der Lektüre von „The Intelligent Investor“ als 19-Jähriger in den Kurs von Benjamin Graham einschrieb und fortan zum Musterschüler avancierte. Buffett war der einzige Student, der jemals in einem Graham-Kurs die Note A+ erhielt. Im Alter von 62 Jahren zog sich Graham 1956 aus dem Berufsleben zurück, verlagerte seinen Lebensmittelpunkt abwechselnd nach Beverly Hills, La Jolla, Madeira oder nach Aix-en-Provence in Frankreich, wo er 1976 starb.

 

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