Das Business-Modell Share Economy: teilen statt besitzen

Sich ein Auto mit Freunden teilen, die Wohnung zeitweise anderen zur Verfügung stellen oder auf das Handwerker-Know-how des Nachbarn zurückgreifen: Der Trend zur so genannten Ökonomie des Teilens („Share Economy“) setzt sich auch in Österreich immer mehr durch, wie eine AKTUELLE Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers PwC zeigt.

Der Gedanke, Dinge zu teilen, ist natürlich nicht neu. Neu hingegen ist die rasante Verbreitung der Ökonomie des Teilens: Durch digitale Technologien, insbesondere das Internet, bieten sich ganz neue Möglichkeiten. Suchte man beispielsweise vor ein paar Jahren Mitfahrgelegenheiten noch per Aushang oder Annonce und musste sich umständlich verabreden, so erledigt dies heutzutage eine App in einem Bruchteil der Zeit.

Große Ideen verändern die Welt

Laut Time Magazin 1) ist der geteilte Konsum eine der zehn großen Ideen, die die heutige Welt verändern. Und eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC 2) aus dem Jahr 2017 belegt: Die Österreicher teilen grundsätzlich gern. Immerhin haben 47 Prozent im letzten Jahr mindestens ein Share-Economy-Angebot genutzt. Durchschnittlich wurden dabei knapp 600 Euro ausgegeben. Airbnb, Uber, Spotify und Co.: In Österreich ist das Teilen von Unterkünften, Autos, Musik sowie anderen Produkten und Dienstleistungen zu einem unverzichtbaren Teil des Lebensstils vieler Menschen geworden. Am beliebtesten waren die Bereiche Medien & Unterhaltung (28 Prozent), gefolgt von Hotels & Unterkünfte, Mobilität sowie Handel & Konsumgüter (zu je 20 Prozent). Und schon jeder vierte Österreicher bietet selbst Produkte und Dienstleistungen an.

Bedrohung für traditionelle Geschäftsmodelle

Ganz ähnlich wie mit dem Aufkommen von Smartphones mit integrierter Kamera vor bald zwanzig Jahren die privat genutzten Film- und Fotokameras allmählich verdrängt wurden, hat die Share Economy das disruptive Potenzial, den Stellenwert von Eigentum durch gelegentliche Produkt- und Servicenutzung zu verändern. Diese Entwicklung, dass aus einer kleinen, zunächst unscheinbaren Nische ein neuartiges Geschäftsmodell entsteht, ist quer durch alle Branchen zu beobachten. Sie stellt somit auch eine entsprechende Bedrohung für traditionelle Geschäftsmodelle dar. Und die Sharing Economy wächst unaufhörlich weiter. Das belegen auch die Zahlen der Europäischen Kommission: Bis Ende des Jahrzehnts werde der europäische Markt auf kollaborativen Plattformen von 30 Milliarden im Jahr 2015 auf 572 Milliarden Euro wachsen.

Aber was genau steckt eigentlich hinter den Begriffen Sharing, geteilter Konsum oder auch Collaborative Consumption? Unter dem Oberbegriff „Sharing“ wird vieles in einen Topf geworfen, was differenziert betrachtet werden muss. So unterscheidet sich beispielsweise das gemeinsame Nutzen von Geräten oder Autos von dem ebenfalls wachsenden Trend „Mieten statt Besitzen“. Während beim ersten Ansatz Privatnutzer ihre Besitztümer oder Dienstleistungen anbieten, mischen beim „Mieten-statt-besitzen“-Trend durchaus auch große Unternehmen wie der chinesische Konzern Ofo (Leihräder in Wien), Daimler (Car2Go) oder BMW (DriveNow) mit, um Nutzern günstig Autos, Fahrräder oder Ähnliches leihweise zur Verfügung zu stellen.

Nachhaltiges Wirtschaften

Neben der Flexibilität und der Bequemlichkeit von Sharing-Angeboten stecken hinter dem Leihgedanken nicht selten auch politische und ökologische Motive, um gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu bekämpfen. Beispiele sind Food-Sharing-Gemeinschaften als Antwort auf die Lebensmittelverschwendung oder die solidarische Landwirtschaft, bei der ein landwirtschaftlicher Betrieb und eine Gruppe privater Haushalte gemeinsam wirtschaften. Für die Betriebe bedeutet das Planungssicherheit und Marktunabhängigkeit, die Verbraucher erhalten faire, biologische und regionale Lebensmittel. Den Trend zum kollektiven Konsum bestätigt auch eine Studie der Leuphana Universität zu den Beweggründen und Erwartungen der Nutzer von Sharing-Angeboten 3). Während die Qualität mit 97 Prozent und der Preis mit 89 Prozent erwartungsgemäß häufig genannt werden, rangieren Nachhaltigkeitsaspekte wie Umweltverträglichkeit und soziale Verantwortung des Unternehmens mit deutlich mehr als 80 Prozent Zustimmung schon auf den nächsten Plätzen.

Immer häufiger wird der Gedanke des Teilens zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Untersuchungen. In Wien wurde das Forschungsprojekt „Sharing Economy Wien“ begonnen. Es geht der Frage nach: Welchen Beitrag leisten Geschäftsmodelle der Sharing Economy zum nachhaltigen Wirtschaften in Wien? Ziel ist es, in Wien tätige Sharing-Economy-Plattformen, Organisationen und Initiativen zu erfassen und – ähnlich wie bei SharingBerlin.de – eine Übersicht der alternativen Ökonomie zu erstellen.

Eine Erfindung der Generation Facebook?

Auf der Suche nach dem Wesen der neuen Bewegung stößt man zwangsläufig auf die Generation Facebook, Twitter und Instagram, also auf junge und junggebliebene Menschen, für die es selbstverständlich ist, sich virtuell zu vernetzen und Musik, Fotos und Gedanken mit ihren Freunden und Gleichgesinnten zu teilen. Über Facebook-Gruppen, wie beispielsweise „Teil dein Zeug“ (Salzburg), können ganz einfach Dinge gesucht und angeboten werden. Zwar verzichten viele User auf den Besitz bestimmter Dinge, die der Generation ihrer Eltern noch heilig waren. Gleichzeitig reduziert der geteilte Konsum die Gütermengen, ohne dass der Lebensstandard sinken muss. Teilen heißt deswegen nicht verzichten, sondern dient, so paradox es klingt, genau dem Gegenteil: mehr zu haben. Denn meist lädt der günstigere Konsum zu mehr Verbrauch ein, dann können Einsparungen schnell wieder aufgewogen werden. Wer beispielsweise günstig eine Airbnb-Unterkunft bucht, ist geneigt, das gesparte Geld in mehr oder längere Reisen anzulegen.

Den Nutzen erfahrbar machen

Damit die Vorteile des geteilten Konsums auf breiter gesellschaftlicher Ebene verankert werden, muss ein Wandel in der Bedeutung des Eigentums stattfinden. Denn nur wer einmal erkannt hat, wie befreiend es sein kann, weniger zu besitzen, wie viel mehr Platz gewonnen werden kann durch weniger Gegenstände und die Zeitersparnis, wenn Pflege und Wartung der Besitztümer wegfallen, der ist auch für die Share Economy bereit. Allerdings: Wer daraus Nutzen ziehen möchte, erfährt eines ganz schnell: Ohne Besitz ist man für andere uninteressant. Denn wer nichts hat, was andere begehren, der kann auch nichts verleihen oder tauschen.

Bleibt schließlich noch die Frage, ob der Sharing-Trend nur ein vorübergehendes Phänomen ist. PwC-Experte Dr. Roman Friedrich, einer der Autoren der eingangs genannten Studie, meint: „Nein, die Share Economy ist mehr als eine Modeerscheinung, sondern wird dauerhaft bestehen und sich auch auf die Arbeitsmodelle der Zukunft auswirken. Das Konzept hat das Potenzial, Arbeitsplätze zu schaffen und sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen alternative Einnahmequellen zu eröffnen.“

1) Time, 17.3.2011, 10 Ideas That Will Change the World“
2) Share Economy 2017 – The New Business Model, PwC PricewaterhouseCoopers Aktiengesellschaft
3) Sharing Economy – „Deutschland teilt“, Leuphana Universität Lüneburg, 2016

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