Dr. Martin Hüfner: Noch ein annus horribilis?

Im November 1992 hielt die britische Königin eine Rede anlässlich ihres 40-jährigen Thronjubiläums, die mit einer Formulierung in die Geschichte eingehen sollte. Die Queen sprach davon, dass sie auf das hinter ihr liegende Jahr nicht mit „ungeteilter Freude“ zurückblicke. Zu viele Probleme hatten sich angehäuft.

Was war geschehen? Ihr Schloss Windsor wurde durch ein schweres Feuer beschädigt. Bei ihren drei Kindern gab es unschöne Eheprobleme. Das Parlament in Westminster beschloss die Abschaffung des Steuerprivilegs der königlichen Familie. In der Öffentlichkeit wurde diskutiert, ob die Monarchie noch eine angemessene Regierungsform sei. Fürwahr ein „annus horribilis“, ein Schreckensjahr für die Queen.

Der Begriff hat sich seitdem als Redewendung auch für ganz andere Krisen erhalten. So war das Jahr 2018 für die Anleger zweifellos ein „annus horribilis“. Die Kapitalmärkte brachen zusammen wie schon lange nicht mehr. Die Investoren fuhren Verluste über Verluste ein. Aktien, die viele (auch ich) wegen der niedrigen Zinsen als „alternativlos“ gehalten hatten, verloren in zweistelliger Höhe. Selbst der österreichische ATX, der sich in den letzten Jahren als „Superstar“ gemausert hatte, wurde in dem Trubel mit nach unten gerissen.

Festverzinsliche treten auf der Stelle

Bei Festverzinslichen war es nicht ganz so schlimm. Es gab hier in Europa zwar keine Verluste. Über das ganze Jahr gerechnet stieg der Rentenmarkt-Index REX aber nur um 1,5 %, kaum mehr als der Zins bei Spareinlagen. Und wer erwartet hatte, dass sich wenigstens Gold als sicherer Hafen erweisen würde, wurde enttäuscht. Auch hier gab es Minuszeichen. Wird das im kommenden Jahr so weitergehen? Ein bisschen schon. Einen so starken Einbruch wie in den letzten Monaten stecken auch die Finanzmärkte nicht so einfach weg. Es braucht Zeit und Ruhe, damit die Anleger wieder Vertrauen schöpfen können.

Drei Faktoren bestimmen die Finanzmärkte

Im Übrigen kommt alles auf die Fundamentalfaktoren an. Drei Dinge sind hier entscheidend: die Konjunktur, die Geldpolitik und das allgemeine politische Umfeld. Bei der Konjunktur sieht es noch relativ am besten aus. Zwar verlangsamt sich die wirtschaftliche Aktivität in der Welt. Der Internationale Währungsfonds rechnet in diesem Jahr nur noch mit einem Zuwachs von 3,7 % nach 3,9 % im vergangenen Jahr. In Europa dürfte die Zuwachsrate noch stärker zurückgehen. Das wirkt sich negativ auf die Aktienmärkte aus, weil die Unternehmensgewinne nicht mehr so stark sprudeln. Andererseits ist es keine Rezession mit rückläufiger realer Wirtschaftsleistung. Vielmehr fällt die Zunahme nur auf ein Niveau zurück, das wir schon seit langem als „normal“ und langfristig durchhaltbar bezeichnen. Wenn die Bevölkerung nicht mehr wächst und die Produktivität pro Jahr nur um ca. 1 bis 1,5 % zunimmt, dann kann auch das Bruttosozialprodukt nicht stärker expandieren.

Dass daraus am Ende doch eine Rezession wird, ist nicht auszuschließen. Es ist aber unwahrscheinlich. Zum einen öffnet die Fiskalpolitik überall auf der Welt und trotz der erreichten hohen Verschuldung ihre Schleusen. Teils wird das von der Straße erzwungen, wie gerade in Frankreich. Teils entspringt es dem Willen der Politiker, ihre Klientele bei der Stange zu halten. Selbst in so orthodoxen Ländern wie Deutschland hat die Finanzpolitik auf Expansion geschaltet. Das bringt Nachfrage und stabilisiert die gesamtwirtschaftliche Produktion. Zum anderen sind die monetären Bedingungen nach wie vor sehr wachstumsfreundlich. Bei Null- oder Fast-Nullzinsen und hoher Liquidität in der Volkswirtschaft wird die Nachfrage nicht an mangelnder Finanzierung scheitern.

Den Notenbanken fehlt die Munition

Was den zweiten Faktor, die Geldpolitik angeht, so sieht es auch hier nicht so schlecht aus. Zwar sind die Zentralbanken in vielen Ländern dabei, die Phase der ultralockeren Politik zu beenden. Die Federal Reserve hebt die Zinsen leicht an und verkauft Wertpapiere aus ihrem Bestand. Die Europäische Zentralbank hat ihr Wertpapierankaufprogramm beendet. Das wirkt natürlich restriktiv. Aber die Notenbanken werden den Aktienmärkten damit sicher nicht nachhaltig schaden. Sie sind sehr darauf bedacht, dass sich die Wirkungen in engen Grenzen halten.

Was die Aktienmärkte aber dämpft, ist die Tatsache, dass es anders als früher keinen „Notenbank-Put“ mehr gibt. Die Märkte können sich nicht darauf verlassen, dass die Notenbanken im Falle von Schwierigkeiten eingreifen und Kursverluste an den Märkte durch Flutung der Märkten durch Liquidität und Zinssenkungen verhindern. Dazu haben sie nach der langen Phase expansiver Geldpolitik keine Munition mehr.

Die Politik ist das größte Problem

An Konjunktur und Geldpolitik wird die Erholung der Märkte in diesem Jahr nicht scheitern. Was die meisten Sorgen macht, ist die Politik. Hier ist vor allem das Chaos und die Unberechenbarkeit des Weißen Hauses in den USA zu nennen. Die Zahl der Krisenherde, die Präsident Trump angefacht hat, wird immer größer. Dazu kommen die Probleme in Europa wie der Brexit oder der Streit Italiens mit den Brüsseler Behörden. Das verunsichert die Märkte und macht es so schwer, die weitere Entwicklung einzuschätzen. Insgesamt sind die Aussichten für 2019 nicht rosig. Tröstlich ist nur, dass das Jahr von einem sehr niedrigen Level gestartet ist. Im Laufe des Jahres könnte es also trotzdem Kursgewinne geben.

Anleger sollten Ruhe bewahren

Was soll der Anleger angesichts dieser Perspektiven tun? Wer rechtzeitig vor dem Kurssturz verkauft hat, kann sich die Hände reiben und in Ruhe abwarten. Wer das nicht getan hat, sollte nicht in Panik geraten und sich auf Teufel komm raus von seinen Papieren trennen. Er macht dann nur aus Buchverlusten echte Verluste, und das tut weh. Man sollte nie vergessen, dass Kursrückgänge immer auch Chancen beinhalten. Zum einen gibt es Titel, die sich auch in der Baisse gegen den Trend entwickeln und mit denen man Geld verdienen kann. Zum anderen geht jede Durststrecke einmal vorbei und mündet in eine Aufwärtsbewegung mit entsprechenden Kursgewinnen. Auch Gold hat sich wieder etwas erholt. Selbst die britischen Royals stehen heute wieder gut da (auch wenn es bei denen besonders lang gedauert hat).

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