Interview mit Dr. Martin Hüfner: Österreich Superstar

Vor ein paar Wochen hat der Präsident der Österreichischen Nationalbank, Ewald Nowotny, Schlagzeilen gemacht, als er in einem Interview Deutschland als das Sorgenkind Nr. 1 im Euroraum nannte. Wir haben den Spieß umgedreht und den volkswirtschaftlichen Berater der Hello bank! – ein Deutscher von Geburt – nach seiner Meinung zu Österreich befragt. Revanchiert er sich für das Foul von Herrn Nowotny?

Herr Dr. Hüfner, was sagen Sie zu der Kritik an Deutschland? Lassen Sie das auf sich sitzen?

Herr Nowotny hat absolut recht. Auch ich bin über die Schwäche der deutschen Wirtschaft besorgt. Ich bin Herrn Nowotny sogar dankbar, dass er das so gesagt hat. Sein Wort hat als erfahrener Notenbanker und als langjähriges Mitglied des Governing Council der Europäischen Zentralbank Gewicht. Ich hoffe daher, dass es von vielen in Deutschland gehört wird und dass die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.

Fragen wir umgekehrt: Was halten Sie von Österreich? Sind Sie hier auch so kritisch?

Kritisch sollte man immer sein. Aktuell bin ich aber von der Entwicklung der österreichischen Wirtschaft sehr angetan. Sie läuft seit einigen Jahren außerordentlich gut, besser als ich (und auch viele andere) das erwartet hatten. Das Land hat seit 2016 einen Schwung aufgenommen, den ihm kaum jemand zugetraut hatte. Es gehört innerhalb der EU zu den Ländern mit dem höchsten Wachstum. Das wird sich auch in diesem Jahr fortsetzen und wird natürlich auch der Börse und den Anlegern zugutekommen.

Bevor wir zur Börse kommen, was hat sich in Österreich geändert, dass es heute so viel besser läuft?

Da kam vieles zusammen. Auslöser war sicher die Steuerreform, die zum 1. Januar 2016 in Kraft trat. Sie entlastete vor allem kleinere und mittlere Einkommen um insgesamt 4 Mrd. Euro (rd. 1% des BIP). Das hilft natürlich der Konjunktur. Es geschah aber weniger über das übliche „deficit spending“, das mit Steuersenkungen normalerweise verbunden ist. Das Defizit der öffentlichen Hand hat sich nur kurzfristig etwas ausgeweitet. 2017 ist es schon wieder deutlich zurückgegangen.

Wenn es nicht das klassische „deficit spending“ war, was war es dann, das die Konjunktur ankurbelte?

Entscheidend war der Incentive, der von den niedrigeren Steuern auf die Stimmung der Konsumenten und Investoren ausging. Er führte zu höherer Nachfrage, mehr Beschäftigung, mehr Einkommen und damit wieder höherer Nachfrage. Gleichzeitig nahmen mehr Frauen und mehr Ältere Beschäftigung auf.

Das war also ein klassischer, sich selbst gegenseitig ansteckender Aufschwung?

Ja. Es zeigt, dass bei den gegebenen hohen Steuersätzen in den modernen Industriestaaten Steuersenkungen zu einer Freisetzung von marktwirtschaftlichen Kräften führen können. Das macht sie zu einem so wichtigen wirtschaftspolitischen Instrument. Andere Länder haben damit ähnlich gute Erfahrungen gemacht. Deutschland traut sich – noch – nicht. Ich freue mich, dass Wien für 2020 eine erneute Steuersenkung plant.

Gab es neben der Steuersenkung noch anderes, das hier eine Rolle spielte?

Natürlich. Eines waren die Ausgaben für die Flüchtlingswelle. Bei allen gesellschaftspolitischen Problemen des Flüchtlingsstroms wird vielfach übersehen, dass er auch ein Konjunkturprogramm ist. Wichtig war darüber hinaus, dass der Finanzsektor nach der großen Finanzkrise repariert worden war. Die Banken waren bereit und in der Lage, wieder verstärkt Kredit zu geben. Selbst der Internationale Währungsfonds hat in seinem jüngsten Bericht zu Österreich hervorgehoben, wie sehr sich die Qualität der Finanzinstitute verbessert hat.

Spielte bei dem Ganzen auch die Politik eine Rolle?

Selbstverständlich, vor allem die Stabilisierung der politischen Verhältnisse im Land. Viele Jahre hatte der Streit innerhalb der Koalition in Wien belastet. Die Nationalratswahlen und die daraus hervorgehende Regierung Kurz brachten Ruhe in die Wirtschaft. Die turnusmäßige Übernahme der Ratspräsidentschaft in der EU durch Österreich stärkte das internationale Standing der neuen Regierung. Kanzler Kurz hat die EU mit seiner ruhigen, aber effizienten Art gut durch schwierige Zeiten gemanagt. Das war gewiss nicht leicht. Denken Sie an den ganzen Trouble bei den Verhandlungen mit Großbritannien. Niemand hätte sich vorstellen können, dass Österreich hier eine so wichtige Rolle spielt.

Ist jetzt also alles wieder in Butter in Österreich?

Dr. Martin Hüfner, Volkswirtschaftlicher Berater der Hello bank!

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Auch Österreich kann sich den politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten in der Welt nicht entziehen. Es braucht weiter erhebliche Anstrengungen. Zusätzliche Reformen sind nötig, unter anderem im Renten- und Gesundheitssystem und bei der Reduzierung der Staatsverschuldung. Die letzten zwei Jahre haben aber gezeigt, dass Österreich in der Lage ist, den Schopf der Geschichte zu packen und die Gelegenheit zu nutzen.

Jetzt aber zu den Konsequenzen für den Anleger. Was hat der Sparer von diesen Entwicklungen?

Sehr viel. Zum einen hat sich die Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Lage auch in den Aktienkursen niedergeschlagen. Der österreichische Aktienindex ATX hat von Mitte 2016 bis Anfang 2018 einen unglaublichen Satz nach oben gemacht. Er stieg in 19 Monaten um über 80 % (!). Das hat die Sparer für die lange „Trockenzeit“ entschädigt, die sie in den Jahren zuvor erlebt hatten. Es zeigt, dass Aktiensparer einen langen Atem und Geduld haben müssen, dass sich das Warten dann aber doch lohnt. Leider hat sich die Entwicklung zuletzt nicht so fortgesetzt, da auch der ATX von den Turbulenzen an den internationalen Börsen nach unten gezogen wurde.

Sie sagten „Zum einen …“. Was kommt noch hinzu?

Wir hatten nicht nur eine sensationelle Kursentwicklung. Wir hatten auch strukturelle Änderungen am österreichischen Kapitalmarkt. Der ATX ist in die Liga der Indizes aufgestiegen, denen auch internationale Anleger stärkere Aufmerksamkeit schenken. Die Wiener Börse hat sich weiter in die Welt der internationalen Börsen integriert. Sie ist inzwischen die führende Handelsplattform für österreichische Aktien.

Und was hat der Kunde davon?

Die Wiener Börse hat vor kurzem im Rahmen ihrer strategischen Neuausrichtung ein neues Segment global market entwickelt. Es ermöglicht den Kunden attraktive „One-Stop-Lösungen“ zum Kauf internationaler Aktien in Österreich. Österreichische Banken können ihren Kunden besonders attraktive Angebote für ihren Handel machen. Die Hello bank! ist an vorderster Front dabei. Mit der Einführung der neuen günstigen Flat Fee für die Börse Wien hat sie ihr Angebot gebündelt und das Preismodell vereinfacht.

 

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