Trotz schlechter Vorzeichen: Ein gutes Aktienjahr

Eine der größten Überraschungen dieses Jahres passierte gleich in den ersten Januartagen. Das war der Umschwung an den Kapitalmärkten. Im Dezember gab es noch ein Blutbad. Die Kurse österreichischer Aktien – wie die vieler anderer internationaler Indizes – brachen um über 10 % ein. Am ersten Arbeitstag des neuen Jahres drehte sich dann die Situation, und es ging fast im gleichen Tempo nach oben.

Das Ganze kam wie aus heiterem Himmel. Niemand hat an der Börse „geklingelt“. Es ist verständlich, dass die Anleger das Geschehen mit Skepsis verfolgten und sich mit Aktienkäufen zurückhielten. Die Zurückhaltung der Investoren hält nach wie vor an. Sie scheint auch nicht unbegründet. Die Konjunktur schwächt sich weiter ab. Am schlimmsten ist es in Europa. Aber auch in den USA verringert sich das Wachstum. In China hat Ministerpräsident Xi vor dem Volkskongress ungewohnt pessimistische Töne angeschlagen. Die deutsche Autoindustrie kommt nicht aus dem Abgasskandal heraus. Sie tut sich mit der Umstellung auf die Elektromobilität ungewöhnlich schwer. Italien befindet sich in einer Rezession. Und als ob das alles nicht genug wäre, droht auch noch das Damoklesschwert neuer Zölle. Wie soll man da optimistisch sein?

Kein Grund zum Pessimismus
Der Autor möchte sich hier gleichwohl nicht dem allgemeinen Pessimismus anschließen. Selbstverständlich kann und wird es noch Rückschläge geben. So funktioniert nun mal der Markt. Aus Makro-Sicht sind Kurseinbrüche jedoch nicht zwangsläufig. Alle, die aus der schwachen Konjunktur auf einen schlechten Aktienmarkt schließen, unterliegen einem Denkfehler. Warum?

Natürlich hängt die Entwicklung der Aktienkurse von der Konjunktur ab. Wenn sich die gesamtwirtschaftliche Aktivität abschwächt, gehen die Gewinne zurück. Damit entfällt die wichtigste Triebkraft der Aktienkursentwicklung. Dass im Abschwung auch die Zinsen sinken und die Zentralbanken kräftig Rückenwind geben, hilft den Unternehmen zwar. Aber letztlich reicht es nicht, die Konjunktur zu drehen.

Dr. Martin Hüfner,
Volkswirtschaftlicher Berater der Hello bank!

Der Abschwung ist die schlechteste Phase für Aktien
Das ist aber nur die eine Hälfte der Wahrheit. Übersehen werden dabei nämlich zwei Dinge. Das Erste ist die Dynamik der Konjunkturentwicklung. Sie vollzieht sich in Zyklen. Nach dem Abschwung, in dem wir uns derzeit befinden, folgt der Tiefpunkt. Danach geht es wieder nach oben. Der Abschwung ist für sich genommen die schlechteste Phase am Aktienmarkt. Die Geschäfte der Unternehmen flauen ab. Die Gewinne gehen zurück. Die Zinsen ermäßigen sich erst langsam. Das ist das, was wir in den letzten Monaten erlebt haben.
Im konjunkturellen Tiefpunkt, der im Zyklus danach kommt, wird das aber ganz anders. Das ist nach der Konjunkturtheorie nämlich die beste Zeit für die Aktien. Dann gehen die Gewinne nicht mehr zurück. Es besteht die Hoffnung, dass die Unternehmen wieder mehr verdienen. Gleichzeitig bleiben die Zinsen niedrig und entlasten die Kostenrechnung. Das wird auch jetzt wieder so sein. Die Europäische Zentralbank wird im September ein neues Liquiditätsprogramm auflegen. Die erste Zinserhöhung wird es frühestens erst zum Jahresende geben.

Im Augenblick befinden wir uns zwischen Baum und Borke. Nach rückwärts geblickt sieht alles schrecklich aus. Nach vorwärts geschaut stehen uns gute Zeiten bevor. Niemand kann heute sagen, wann der Umschwung passieren wird. Nach den konjunkturellen Frühindikatoren zu urteilen, ist der Zeitpunkt dafür aber nicht mehr so weit. Es wäre nicht verwunderlich, wenn im Euroraum im Sommer der Tiefpunkt des Konjunkturzyklus erreicht würde.

Der Aktienmarkt eilt der Konjunktur voraus
Das Zweite, was übersehen wird, ist, dass der Aktienmarkt der tatsächlichen Entwicklung im Zyklus in der Regel vorausläuft. Das ist auch ganz plausibel. Wenn sich die Nachfrage an den Märkten dreht, dann zeigt sich das zuerst in den Geschäften der Unternehmen unmittelbar am Markt. Die Börse hat dafür ein feines Gespür. Bis es in den Zahlen der Firmen konsolidiert wird, dauert es. Bis die entsprechenden Konjunkturdaten das erkennen lassen, vergeht wieder Zeit. Und dann sind die Volkswirte auch nicht so schnell, um den Umschwung als dauerhaft zu diagnostizieren.

Viele setzen die Verzögerung zwischen der Reaktion des Kapitalmarkts und der tatsächlichen Entwicklung des Sozialprodukts mit sechs Monaten an. Das erscheint eher zu lang. Zwei bis drei Monate sind plausibler. Im Übrigen kann es auch mal kürzer oder mal länger sein. Es gibt hier kein feststehendes Gesetz.

Mit Glück wird das zweite Halbjahr noch besser
Wenn das richtig ist, dann bedeutet es, dass die Erholung der Aktienmärkte am Jahresanfang nicht nur eine vorübergehende Laune des Marktes war. Sie hatte auch nicht nur mit der Entspannung bei den amerikanisch-chinesischen Handelsgesprächen zu tun. Dahinter könnten vielmehr schon die ersten Signale am Markt gestanden haben, dass der Abwärtsdruck der Konjunktur im Laufe des Jahres zu Ende geht.

Noch wichtiger ist aber: Es gibt begründete Hoffnung, dass sich die positive Entwicklung der Aktien im weiteren Verlauf des Jahres fortsetzt. Vielleicht beschleunigt sie sich sogar. Denn dann kommen im Zyklus der Tiefpunkt der Konjunktur und dann der Aufschwung. Wenn wir Glück haben, könnte das zweite Halbjahr für die Märkte sogar noch besser werden. In jedem Fall müssten die Kurse am Jahresende höher sein als heute.

Geopolitische Spannungen bremsen den Schwung
Ob der bisherige Höchststand vom Januar 2018 erreicht wird, weiß natürlich niemand. Denn die geopolitischen Risiken bleiben selbstverständlich bestehen. Wer kann heute schon sagen, ob US-Präsident Trump sich wirklich auf einen Frieden im Handelsstreit einigt? Was bleibt mit der Drohung von Zöllen auf europäische Autoexporte? Hinzu kommen die Unsicherheiten mit dem Brexit. All das könnte den fundamentalen Schwung an den Aktienmärkten bremsen. In jedem Fall wird die Schwankungsanfälligkeit groß bleiben.

Es gibt die allgemeine Regel, dass die erste Hälfte eines Jahres am Aktienmarkt besser ist als die zweite. Also „sell in May and go away“. In diesem Jahr könnte es anders kommen. Wenn die Konjunktur im zweiten Halbjahr den Tiefpunkt erreicht, dann könnte es am Aktienmarkt richtig gut werden.

Disclaimer: Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und stellt in keiner Weise eine Finanzanalyse, eine Anlageberatung, ein Angebot zum Kauf oder eine
Empfehlung der Hello bank! dar.

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