Wirtschaft im Bann des Virus

Seit dem Ausbruch des Coronavirus in Europa hat der Erreger die Börsen im Griff. Aufgrund der Sorge, dass die Auswirkungen der Infektionskrankheit auf die Weltwirtschaft, einzelne Branchen und Unternehmen deutlich größer sein könnten als anfangs angenommen, verzeichneten zahlreiche Aktienindizes rund um den Globus heftige Einbrüche.

Aus China in die Welt

Das Epizentrum des Coronavirus liegt nach wie vor in der chinesischen Provinz Hubei mit der Hauptstadt Wuhan. Die Region ist weitgehend von der Außenwelt abgeriegelt, Millionenstädte sind unter Quarantäne gestellt, und das Wirtschaftsleben ist zum Erliegen gekommen. Aber auch im Rest Chinas sind die Auswirkungen des Virus spürbar. Landesweit stehen zahlreiche Fabriken still, viele Transportwege sind geschlossen. Experten rechnen damit, dass Chinas Wirtschaftsleistung im ersten und in den folgenden Quartalen deutlich niedriger ausfallen könnte als ohne Coronavirus. Bestätigt wird dies durch die jüngste Veröffentlichung der Handelszahlen durch die Pekinger Zollverwaltung. Allein in den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres sind Chinas Exporte gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 17,2 % auf 292,45 Mrd. US-Dollar gefallen. Einen weiteren interessanten Hinweis auf mögliche wirtschaftliche Auswirkungen liefert ein Vergleich mit der SARS-Epidemie im Jahr 2002. Damals ist das chinesische Bruttoinlandsprodukt kurzfristig von 11,1 % auf 9,1 % zurückgegangen.

Unterdessen breitet sich das Virus in immer mehr Ländern aus. Nach China ist Südkorea das Land mit den meisten Infizierten. Ähnlich wie im Nachbarland können auch dort ganze Städte abgeriegelt und Fabriken geschlossen werden. In Europa ist derzeit Italien am stärksten betroffen. Die italienische Regierung daher drastische Maßnahmen ergriffen und mehrere Orte unter Quarantäne gestellt. Im Vergleich zu Italien kommt Österreich noch glimpflich davon, aber auch hierzulande steigt die Zahl der Neuinfizierten an.

Gewinner und Verlierer des Coronavirus

Unter den stillgelegten Fabriken leiden zahlreiche Branchen und Unternehmen. Unter anderem ist die Automobilbranche betroffen. Allein bei BMW und Volkswagen ruhte die Produktion in China in den vergangenen Wochen. Zudem ist aufgrund der aktuellen Situation die Nachfrage nach Autos innerhalb Chinas massiv eingebrochen. Ebenfalls problematisch ist die Lage für die Textilindustrie und Sportartikelhersteller. Nach wie vor ist China der größte Textilproduzent der Welt. Stehen dort die Bänder still, hat dies Auswirkungen auf die weltweite textile Lieferkette. Aber auch Computer- und Smartphone-Hersteller leiden unter den Auswirkungen. Viele Bauteile für Hightech-Produkte werden in China gefertigt. Fällt nur einer der Zulieferer aus, kann dies fatale Folgen für die gesamte Produktion haben. Erst kürzlich gab Apple bekannt, dass es bei den iPhones Lieferengpässe gibt.

Wo Verlierer sind, gibt es aber auch Gewinner. In den Tagen nach dem Ausbruch konnten vereinzelt Pharmawerte deutliche Wertzuwächse an den Börsen verzeichnen. Verantwortlich hierfür waren unter anderem die Aussichten auf lukrative Geschäfte mit medizinischen Gütern sowie die Hoffnung auf die baldige Entwicklung eines Impfstoffes. Inzwischen mussten aber auch viele dieser vermeintlichen Krisengewinner ihre Kursgewinne wieder abgeben. Seit Ausbruch des Coronavirus deutlich zulegen konnte dagegen der Goldpreis. Das als vermeintlich sicherer Hafen geltende Edelmetall erfreut sich in den aktuell unsicheren Zeiten großer Beliebtheit und kletterte auf neue Höchststände. Aber selbst hier setzten vergangene Woche Gewinnmitnahmen ein. Sollte allerdings die Unsicherheit und die Sorge um das Wachstum der Weltwirtschaft anhalten, sind weiter steigende Kurse wahrscheinlich.

Auswirkungen auf den Welthandel

Dass das Coronavirus negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft hat, ist unbestritten. Welches Ausmaß das annimmt, lässt sich derzeit allerdings noch nicht sagen. Als Frühindikator für die Entwicklung der weltweiten Handels- und Wirtschaftsaktivität wird häufig der Baltic-Dry-Index herangezogen. Der Index, der die Frachtraten für die größten Frachtschiffe der Welt abbildet, ist seit Ausbruch des Virus abgestürzt – von rund 2.500 Punkten im September letzten Jahres auf knapp über 400. Durch die Stilllegung zahlreicher Fabriken in China ist zudem die Nachfrage nach Rohstoffen rückläufig. Ersichtlich ist dies an den gefallenen Preisen für Industriemetalle und Rohöl. Aktuell hat sich diese Situation durch den Streit zwischen den Opec-Ländern und Russland sowie der Ölpreissenkung durch Saudi-Arabien massiv verschärft.

Noch gehen viele Marktteilnehmer davon aus, dass sich die Auswirkungen des Virus auf das erste und maximal zweite Quartal beschränken und die Weltwirtschaft in den Monaten April bis Juni wieder zur Normalität zurückkehrt. Gelingt es, das Virus einzudämmen, dürfte dieses Szenario wahrscheinlich sein. Breitet sich der Virus dagegen weiter aus, könnte eine weltweite Rezession mit den entsprechenden Turbulenzen an den Finanzmärkten drohen. Spätestens dann ist auch ein massives Einschreiten der Notenbanken wahrscheinlich. Neben weiteren Zinssenkungen ist dann mit erneuten Quantitative-Easing-Maßnahmen, d.h. einer Ausweitung der Geldbasis durch den Kauf von großen Mengen von Wertpapieren, zu rechnen.

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